Einführung

Mensch-Puppen-Diskurse als tragfähiger Forschungsgegenstand?

Mensch-Puppen-Diskurse als Gegenstand eines wissenschaftsbasierten Journals – geht das? Puppen in all ihren Erscheinungsformen und vielerlei Materialität, als anthropomorphe Figuren mit Menschenantlitz, als Spielsachen, literarische und mediale Erzeugnisse, Handpuppen, Marionetten, Roboter usw., gefertigt aus Holz, Plüsch, Plastik, Metall, Papier und vor allem: kreiert aus Vorstellungskraft und Fantasie, Puppen waren und sind selten Gegenstand wissenschaftlicher Fragen. Obwohl seit Menschengedenken existent und „dicht ins Gewebe menschlichen Lebens eingebunden“ (Mattenklott 2014, 29), sind Puppen, diese uralten und ubiquitären „Pilger“ (Gross 2009, 187) aus der Welt der Dinge und Artefakte, in eigenartiger Weise pejorativ konnotiert mit einer Aura des Kindlichen und Trivialen. Nicht von ungefähr verweist Yoko Tawada (2000, 5) auf eine auffallende „Leerstelle im akademischen Diskurs“.
Ein erster Versuch, diese Lücke zu füllen, gelang mit einer 2013 an der Universität Siegen durchgeführten interdisziplinären und internationalen Puppen-Tagung mit dem Titel Puppen – Menschheitsbegleiter in Kinderwelten und Imaginären Räumen (Fooken u. Mikota 2014). Die mit ihrer Anthropomorphizität gegebene ambigue Uneindeutigkeit der Puppe, ihre ‚Existenz’ zwischen toter Materie und beseelt wirkender Lebendigkeit und nicht zuletzt ihr Changieren zwischen minderwertigem (Spiel-)Zeug und hohem symbolischen Bedeutungsgehalt erwies sich im akademischen Feld als diskurswürdig. Puppen sind eben mehr als ‚nur Puppen’ – sie sind Spiegel und Projektionsfläche menschlicher Lebenszusammenhänge (vgl. Fritz 1992).
Hier setzen Anliegen und Selbstverständnis von „denkste: puppe / just a bit of: doll“ (Akronym: de:do) an. Das Journal versteht sich als Plattform für wissenschaftliche Texte sowie für Kunstwerke, Bilder, Essays und In-Szene-Setzungen von und über Puppen, Figuren und menschenähnliche Gestalten. Mit dem ‚Erkenntnisgegenstand Puppe’ als referenzieller Metarahmen – sei es als dingliches Artefakt, literarisches Narrativ, Denkfigur, Medium und mediale Ausdrucksform –bieten sich vielerlei Anknüpfungspunkte zwischen disziplinär voneinander abgegrenzten Wissenschafts- und Forschungsbereichen. Angesprochen sind wissenschaftliche Disziplinen wie Literatur-, Kunst-, Kultur-, Theater-, Film-, Medien- und Sozialwissenschaften, Psychologie, Pädagogik, Ethnologie, Anthropologie, Design, Materialkunde, Robotik, einschließlich all ihrer Anwendungs- und Praxisfelder. Neben einem jeweiligen Themenschwerpunkt werden zudem freie Artikel berücksichtigt sowie andere Rubriken (Miszellen, Interviews, Diskussionsforen, Essays, künstlerische Werke, Rezensionen, Mitteilungen etc.) mit jeweils puppenaffinen Beiträgen einbezogen.
Der Themenschwerpunkt der ersten Ausgabe von de:do befasst sich mit Puppen in Bedrohungsszenarien. Ausgangspunkt war die Annahme, dass Puppen und andere anthropomorphe Artefakte in Zeiten existenzieller Bedrohung zu bedeutsamen (Übergangs-)Objekten werden können, die sowohl psychische Sicherheit und Bindung als auch (innere) Autonomie und Handlungsfähigkeit ermöglichen können. Dabei geht es in einem ersten Fokus stärker um äußere Bedrohungen und Verluste angesichts von Kriegs-, Flucht- und Verfolgungserfahrungen in politisch schwierigen Zeiten und in einem zweiten Schwerpunkt um den Stellenwert von Puppen im Zusammenhang mit eher inneren und intrapsychischen Formen von Beunruhigung und Irritation. Die Beiträge bilden ein breites disziplinäres Spektrum ab: Theaterwissenschaft, Psychologie, allgemeine sowie Kinder- und Jugend-Literaturwissenschaft, Kunst, Film-, Medien- und Kulturwissenschaft, Psychotherapie und Puppentheater.

Literaturverzeichnis

  • Fooken, Insa, Mikota, Jana (Hg.) (2014). Puppen – Menschenbegleiter in Kinderwelten und imaginären Räumen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Fritz, Jürgen (1992). Spiele als Spiegel ihrer Zeit: Glücksspiele, Tarot, Puppen, Videospiele. Mainz: Matthias-Grünewald.
  • Gross, Kenneth (2009). The Madness of Puppets. The Hopkins Review, 2 (2), 182-205.
  • Mattenklott, Gundel (2014). Heimlich-unheimliche Puppe: Ein Kapitel zur Beseelung der Dinge. In Insa Fooken, Jana Mikota (Hg.), Puppen – Menschenbegleiter in Kinderwelten und imaginären Räumen (S. 29-42). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Tawada, Yoko (2000). Spielzeug und Sprachmagie in der europäischen Literatur. Eine ethnologische Poetologie. Tübingen: Konkursbuch Verlag.

Inhaltsverzeichnis:

  • Editorial (Insa Fooken / Jana Mikota)
    Krieg, Flucht und Verfolgung in politisch unsicheren Zeiten
  • „Ein Anti-Kriegs-Stück“ – Kriegsdarstellungen in Plastic Heroes (Ariel Doron) und Count to One (Yase Tamam) (Franziska Burger)
  • Puppen – Übergangsobjekte im Kontext von Umbrüchen, Krieg und Gewalt (Insa Fooken)
  • Ursula Fuchs: Emma oder die unruhige Zeit (1979): Eine (Puppen-)Liebe in Zeiten des Krieges (Magali Nieradka-Steiner)
  • Traumreisen, die Wirklichkeit werden“– Zur Erzähl- und Handlungsfunktion der titelgebenden Figur in Gerd Schneiders Jugendroman „Kafkas Puppe“ (Julia von Dall’Armi)
  • Puppen und Teddybären in österreichischen Kinderzeitschriften in unsicheren Zeiten (Susanne Blumesberger)
    Aversive Kontexte und Zeiten psychischer Irritation
  • Puppen und Spielzeugsoldaten in E. T. A. Hoffmans Erzählung Nussknacker und Mausekönig: das unsichtbare geheime Leben (Brooke Shafar )
  • Zauberfrau und Marterleib. Das Leben der Puppe in Gottfried Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe und die Episteme von Ritual- und Bildhandeln im poetischen Realismus (Nils C. Ritter)
  • Puppenhüllen: Aufblasbare Puppen in Film und Bildender Kunst (Jana Scholz)
  • Multiple Puppen-Persönlichkeiten – Projizierte Traumata bei Tony Oursler (Anna Friesen)
  • Doing Gender – Doing Human (Natascha Compes)
  • Anthropomorphe Figuren in der Identitätskrise und deren ästhetische Gestaltung am Beispiel der Bilderbücher Das kleine Ich bin ich (Mira Lobe/Susi Weigel) und Pezzettino (Leo Lionni) (Juliane Noack Napoles)
    Freier Beitrag
  • Puppenspiel als strukturiertes Therapieangebot in der Kinderpsychotherapie – Ein Überblick mit Praxisbeispielen zur Entwicklung und Durchführung des Therapeutischen Puppenspiels (Gudrun Gauda)
    Miszellen
  • „A film star in his own right“– Marlene Dietrichs Puppen als Requisiten, Talisman und Fetisch (Lin Cheng)
  • Leben entdecken an einem kalten Ort – eine Reminiszenz (Robin Lohmann)
    Interview
  • Puppen können „längst ‘verschlossene Türen‘ in den Herzen vieler Menschen öffnen“. Sieben Fragen an Shlomit Tulgan zur Gründung des Jüdischen Puppentheaters Berlin – bubales / Einblicke in Shlomit Tulgans Buch „Die schlaue Esther“ (Gudrun Schulz)
    Diskussionsforum
  • Barbie als Diskursmaschine. Drei Skizzen (Alexander Wagner)
    Rezension
  • Die unheimliche Puppengang. Rezension Ydessa Hendels: From Her Wooden Sleep (Uta Brandes)
    Mitteilungen
  • Bürgerinitiative setzt sich für Puppentheater ein (Hans-Wolfgang Nickel)
  • Internationales Symposium Therapeutisches Puppenspiel (DGTP)