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Puppen. Eine Sammlung von Doris Im Obersteg-Lerch

Spielzeugmuseum Riehen, 22.09.2019-31.01.2020

Eine persönliche Sammlung

Keck schaut der kleine Feuerwehrmann nach oben, ja, geradezu aufmüpfig scheint er dem nächsten Löscheinsatz entgegenzublicken. Die Uniform aus Filz ist freilich schon etwas abgenutzt, an den Schultern recht verschlissen, die einstmals wohl blitzblanken Jackenknöpfe sind abgestumpft und die Hose besteht vornehmlich aus Löchern. Nichtsdestotrotz wirkt der wackere Geselle guten Mutes und der immer noch blanke Helm scheint nur darauf zu warten, wieder aufgesetzt zu werden für neue glorreiche Taten. Wer hat wohl schon mit ihm gespielt, welche Abenteuer hat er erlebt und: Wo ist sein Löschzug geblieben? Seit 1912 war die Feuerwehr im Sortiment des deutschen Spielzeugherstellers Steiff und ganze Mannschaften von Feuerwehrmännern waren in den sogenannten «Schaustücken» von Steiff – aufwendig inszenierten Szenerien, beinahe tableau vivants mit Puppen – bei Spielzeugmessen im Einsatz.

Sein strohblonder Hinterkopf ziert neuerdings das Plakat zur Ausstellung «Puppen. Eine Sammlung von Doris Im Obersteg-Lerch», die bis 31. Januar 2020 im Spielzeugmuseum Riehen bei Basel zu sehen sein wird. Die private Sammlung von 220 Puppen stammt aus dem Besitz von Doris Im Obersteg-Lerch (1931-2015) und kam durch eine Schenkung der Stiftung Im Obersteg ans Museum. Weit bekannt ist die erlesene Kunstsammlung Im Obersteg, begründet von Karl Im Obersteg und nach dessen Tod weitergeführt durch seinen Sohn Jürg und die Schwiegertochter Doris Im Obersteg, geborene Lerch. Abseits der heute im Kunstmuseum Basel beheimateten Kunstsammlung bildete Doris Im Obersteg-Lerch ihre eigene, ganz persönliche Kollektion, die sie, ausgehend von wenigen Puppen im Nachlass der Mutter, aufbaute. Über Jahrzehnte kaufte sie ausser Kunstwerken auch Puppen bei verschiedenen Händlerinnen und auf Märkten, eine ersteigerte sie bei Christie’s. Über die Jahre eignete sie sich einige Sachkenntnis zum Thema an, wenn auch manche Fachfrage zu Hersteller und Herkunft einiger Puppen (noch) unbeantwortet bleibt.

Das Spielzeugmuseum in Riehen trägt dieser Sammelleidenschaft nun Rechnung und präsentiert in einer umfassenden und dennoch behutsam und dem intimen Charakter der Sammlung angemessen arrangierten Schau die Puppen der Doris Im Obersteg-Lerch. Sowohl der Persönlichkeit der Sammlerin als auch den Objekten oder vielmehr Subjekten ihrer Kollektion wird Raum in vielfältigen Gruppierungen gegeben. Auch auf Interaktivität mit dem Publikum, die im Museum unter der Leitung von Julia Nothelfer gepflegt wird und die man in einer klassischen «Vitrinenausstellung» eher nicht zu finden wähnte, wird nicht verzichtet: So kann von der Sammlerin erstellte Kartei mit den detaillierten Angaben zu den Puppen in faksimilierter Form durchstöbert werden. Auch lassen sich einzelne Elemente der Ausstellungsarchitektur bewegen – in den grossen, bausteinartigen Kästen aus Glas und Holz, die direkt auf dem Boden stehen und darin Dutzende Puppen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zeigen, sind drehbare Tafeln montiert. Auf der einen Seite dieser beweglichen Tafeln sind Nahaufnahmen einzelner Puppen (auch hinter die Perücke und unter den Rock geguckt) abgebildet, auf der anderen kann man sich in die Lektüre beschreibender «Porträts» ausgewählter Puppen vertiefen. Bemerkenswertes Detail: Die Sammlerin hat fast alle Puppen mit einem individuellen Namen ausgestattet. Von Abigail über Balthasar, Floritzel, Mao und Perdita bis hin zu Wenzel und Xenia. Lediglich der Feuerwehrmann blieb anonym. Dafür durfte er nach der Übersiedlung der Puppen als einziger im Schlafzimmer der Sammlerin verbleiben.

Mit dem «Durchblättern» der Ausstellung wird auch eine Verbindung zur von Julia Nothelfer und Ina Serif konzipierten, aufwendig gestalteten Ausstellungspublikation hergestellt. Dort werden aus ganz unterschiedlicher Perspektiven einzelne Puppen porträtiert und diese somit noch einen Schritt «persönlicher». Einzelne Essays zum Sammeln als anthropologischem Phänomen, die Puppe als Menschengefährtin in vielfältiger Form oder zu Puppen in der Kinderliteratur öffnen das Blickfeld auf weitere Puppendiskurse. Schliesslich informiert ein Katalog aller Puppen der Sammlung über deren Kauf und Hintergrund. Die Puppe wird in dieser Präsentation sowohl als Sammelobjekt als auch als Menschenbegleiterin greifbar.

Zurück zu unserem Feuerwehrmann. Obwohl namenlos, hat auch er seine Individualität, seine Persönlichkeit, seine Geschichte. Man ist geradezu versucht, ihm selbst einen Namen zu geben. Oder zumindest seine und die Geschichten der anderen Puppen dieser Sammlung weiter zu ergründen.

Anna Lehninger, Zürich, 1. Oktober 2019

Die Ausstellungwar bis 31.01.2020 zu sehen, nun ist das Spielzeugmuseum Riehen wegen Umbaus geschlossen. Weitere Informationen unter: www.spielzeugmuseumriehen.ch

Ausstellungspublikation:

Spielzeugmuseum Riehen (Hg.), Puppen. Eine Sammlung von Doris Im Obersteg-Lerch, gezeigt im Spielzeugmuseum Riehen, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, 156 S., Broschur, ISBN: 978-3-7965-4083-7.

Konferenz “Dolls and Puppets as Artistic and Cultural Phenomenon

Die drei Tagungsbände der Konferenz “Dolls and Puppets as Artistic and Cultural Phenomenon” in Bialystok, Polen, 23.-26. Juni 2014, organisiert vom Institut für Kunstgeschichte, Universität Warschau, und der Aleksander Zelwerowicz State Theatre Academy in Warschau – Department of Puppetry Art in Bialystok, Polen, sind jetzt als pdf-files verfügbar (Herausgeber: Kamil Kopania; http://www.ihs.uw.edu.pl/spis-pracownikow/kamil-kopania/ )

dolls 1, dolls 2, dolls 3

Mitteilung / Ankündigung: CfP und Tagung
Information / Announcement: CfP and Conference

https://atb.edu.pl/animation-bialystok/

Call for papers 

WHAT DOES ANIMATION MEAN IN THE MIDDLE AGES?

THEORETICAL AND HISTORICAL APPROACHES 

International conference in Bialystok, Poland, from 17th–20th September 2020

Organised by: The A. Zelwerowicz National Academy of Dramatic Art

Branch Campus in Bialystok, Poland and University of Bergen, Norway